Die Verpackung ist nur ein kleiner Teil

Die verpackung ist nur ein kleiner teil

Die Analyse zum Thema Verpackungen, welche durch Tiefgrün durchgeführt wurde, hat Simon Braissants Aufmerksamkeit erregt. Dieses Interview wurde im Rahmen des Fokusmonats "Konsum" bei Tsüri.ch durchgeführt und dort in gekürzter Form publiziert. Dieser Blog-Beitrag enthält die ungekürzte Fassung.

Simon Braissant: Frau Wyrsch, wie stehen sie ganz allgemein zum Unverpackt-Trend? Begrüssenswert oder nicht?

Bild: Martina Wyrsch
Bild: Martina Wyrsch

Martina Wyrsch: Grundsätzlich find ich’s gut. Es zeigt, dass die Leute bereit sind, Dinge nicht nur zu hinterfragen, sondern auch tatsächlich anders zu machen, als von der Konsumindustrie vorgegeben. Im Moment ist das Ganze ja noch eine Nischenbewegung mit vereinzelten kleinen Anbietern, die sich ganz der Nachhaltigkeit verschrieben haben. Allerdings bezweifle ich, dass, wenn sich der Trend durchsetzt und auch die grossen Anbieter aufspringen, unsere Welt dann nachhaltiger ist.

Simon Braissant: Sie haben kürzlich in einem Blog-Beitrag Bedenken geäussert, dass wir vor lauter Verpackungs-Hype das grosse Ganze aus den Augen verlieren könnten. Was meinen Sie damit?

Martina Wyrsch: Damit meine ich, dass wir uns gern auf ein Thema einschiessen und dann dazu tendieren, die wirklich grossen Hebel auszublenden. Zum Beispiel dass es viel wichtiger wäre, den Konsum allgemein runterzufahren. Sich zu fragen: „Brauch ich das?“, anstelle von: „Welche Verpackung ist denn jetzt wohl ökologischer?“. Gerade bei den Lebensmitteln ist die Verpackung teilweise zentral, um Foodwaste zu vermeiden, was wiederum höher zu gewichten ist, als der Ressourcenaufwand für die Herstellung und Entsorgung der Verpackung.

Umweltbelastung verschiedener Konsumbereiche in der Schweiz. Quelle: esu-Services.
Umweltbelastung verschiedener Konsumbereiche in der Schweiz. Quelle: esu-Services.

 

Simon Braissant: Wie sieht es denn aus mit der Umweltbelastung von Nahrungsmittel? Wie gross ist der Anteil der Verpackung an der gesamten Umweltbelastung des Produkts?

Martina Wyrsch: Die Umweltbelastung eines Produktes hängt vom Anbau, der Verarbeitung, der Verpackung, dem Transport, der Lagerung, der Zubereitung und der Entsorgung ab. Die Ernährung ist für rund einen Drittel der gesamten Umweltbelastungen durch unseren Konsum verantwortlich. Laut einer Ökobilanz-Studie von esu-Services beträgt der Anteil der Verpackung an der Umweltbelastung von Produkten im Ernährungsbereich nur rund ein Prozent. Fleisch und tierische Produkte machen hingegen rund 44 Prozent aus. Der Hebel dort ist also um einiges grösser.

Simon Braissant: Und was meinen Sie, wenn Sie von Umweltbelastung sprechen?

Martina Wyrsch:
Das bezieht sich einerseits auf den Klimawandel, aber auch auf andere negative Auswirkungen, wie beispielsweise den Landverbrauch, die Versauerung von Böden, die Überdüngung von Gewässern oder den Ozonabbau.

 

Simon Braissant: Inwiefern stossen Plastikverpackungen Treibhausgase aus?

Martina Wyrsch: Plastik wird aus Erdöl und Erdgas hergestellt. Beim Transport via Pipelines und in Raffinerien kommt es immer wieder zu Treibhausgas-Emissionen durch Gaslecks. Die Herstellung und der Transport von Plastikverpackungen verbraucht Energie, die zum grössten Teil aus fossilen Quellen stammt. Und auch bei der Entsorgung  entstehen Treibhausgase – in der Schweiz werden rund 90 Prozent der Kunststoffabfälle in der Kehrrichtverbrennungsanlage verbrannt.

Simon Braissant: Die Verschmutzung der Meere mit Plastik und Mikroplastik ist dann wiederum ein anderes Thema, das sich nicht in Treibhausgas-Emissionen angeben lässt. Wie belastend sind die Verpackungen unserer Lebensmittel denn für unsere Gewässer?

Martina Wyrsch: Der Swiss Litter Report war die bisher grösste Studie betreffend Littering und den Auswirkungen auf die Gewässer. Die Abfälle akkumulieren sich im Gewässer und verunreinigen diese, was sich negativ auf Tiere und Pflanzen und letztendlich auch auf uns auswirkt. Zwei Drittel der gefunden Abfälle waren aus Plastik, die über das Flusssystem über weite Strecken transportiert werden oder aber sich in kleinste Teile zersetzen können.

 

Simon Braissant: Kann das nicht in einer Kläranlage herausgefiltert werden?

Martina Wyrsch:
Doch, ein Teil kann rausgefiltert werden – in der Schweiz. Aber Mikroplastik gelangt trotzdem kontinuierlich in die Gewässer, wo es zum Problem wird.

Simon Braissant:
Wie gravierend ist dieser Mikroplastik für die Umwelt?

Martina Wyrsch:
Mikroplastik wirkt wie ein Schadstoffmagnet, das heisst es reichern sich giftige Stoffe auf der Oberfläche an, die dann in die Nahrungskette gelangen können. So wurde im Genfer See Plastikmüll gefunden, der mit Blei, Cadmium oder Quecksilber verseucht war. Wenn er zerfällt, könnten ihn Fische aufnehmen, die später auf unseren Tellern landen. Viele Plastikprodukte enthalten ausserdem schädliche Zusatzstoffe wie Weichmacher, die in die Umwelt gelangen. Einige dieser Stoffe sind hormonell wirksam, das heisst sie bringen das Hormonsystem von Mensch und Tier durcheinander.

Auch als umweltfreundliche Familie sammelt sich so einiges an Plastik an! Bild: Martina Wyrsch
Auch als umweltfreundliche Familie sammelt sich so einiges an Plastik an! Bild: Martina Wyrsch

Simon Braissant: Wo entstehen sonst noch Mikroplastik-Emissionen?

Martina Wyrsch:
Eine Untersuchung des Fraunhofer Instituts hat ergeben, dass der Abrieb von Autoreifen beispielsweise mehr Mikroplastik in deutschen Gewässern verursacht als Verpackungsmaterialien. Auch Schuhsohlen, Faserabrieb bei der Textilwäsche oder Verwehungen auf Sport- und Spielplätzen stehen laut dieser Untersuchung hoch im Kurs der Verursacher.

 

Simon Braissant: Wieso drehen sich Nachhaltigkeitsdebatten denn eigentlich so häufig um Plastikverpackung?

Martina Wyrsch: Einerseits sind wir bei unserem tagtäglichen Konsum immer mit Plastik konfrontiert. Den grössten Anteil davon wollen wir nicht beziehungsweise schmeissen wir weg – er wird also zu Abfall. Und Abfall stört, weil wir ihn entsorgen müssen und er uns daran erinnert, dass wir mit unserem Konsum Ressourcen verschlingen. Andererseits wird in den Medien der Fokus oft auf Plastikverpackungen gelegt. Schlimme Bilder von negativen Auswirkungen gibt es genügend und die sollen auch nicht runtergespielt werden. Was mich daran stört, ist, dass die negativen Auswirkungen von anderen Verpackungen oder vom Konsum allgemein oft ausgeblendet werden. Man will ja schliesslich das neuste Handy, aber man nervt sich zu Tode über die aufwendige Verpackung.

Simon Braissant: Für Lebensmittel gibt es ja ganz unterschiedliche Verpackungsmaterialien. Wie schneiden Plastikverpackungen denn im Vergleich zu den anderen Verpackungsmaterialien ab?

Martina Wyrsch: Plastik schneidet meistens gar nicht so schlecht ab, wenn man den Ressourcen- und Energieaufwand über den gesamten Lebensweg anschaut. Eine spannende Untersuchung gibt es im Bereich Getränkeverpackung von Carbotech. Es werden dort unterschiedliche Getränkeinhalte und die jeweiligen Behälter beurteilt, und ob das Getränk unterwegs oder zuhause konsumiert wird. Beim Bierkonsum zuhause ist es beispielsweise so, dass PET-Flaschen – welche es in der Schweiz fast nicht gibt – und Mehrweg-Glasflaschen am besten abschneiden, gefolgt von Alu-Dosen. Die Einweg-Glasflasche hat mit Abstand die schlechteste Ökobilanz. Nimmt man sich aber unterwegs einen Fruchtsaft, dann greift man am besten zum Getränkekarton oder PE-Beutel. Die PET-Flasche weist eine etwas schlechtere Ökobilanz auf und am schlechtesten ist wiederum die Einweg-Glasflasche.

Simon Braissant: Hui. Gibt es einen einfachen Nachhaltigkeits-Tipp, um im Dschungel der verschiedenen Verpackungsmaterialien den Durchblick zu behalten?

Martina Wyrsch: Das Ganze ist eben nicht einfach und deshalb gibt es meiner Meinung nach auch keinen einfachen universell gültigen Tipp. Aber ich versuche es trotzdem. Leichte Verpackungen sind schweren zu bevorzugen. Verpackungen wo immer möglich mehrfach verwenden – egal welche. Recycling ist gut, aber nicht unbedingt ausschlaggebend, was die Ökobilanz betrifft. Eine Einweg-Glasflasche schneidet trotz sehr hoher Recyclingrate immer schlechter ab, als die leichte Kunststoffverpackung – auch wenn diese verbrannt wird. Am Besten man hat dabei immer präsent, dass der Anteil der Verpackungen an der gesamten Umweltbelastung durch den Konsum sehr klein ist. Viel relevanter sind Änderungen im Ernährungs-, Wohn- und Mobilitätsbereich.

Simon Braissant: Wie versuchen Sie persönlich im Supermarkt umweltbewusst einzukaufen?

Martina Wyrsch: Ich kaufe wenig Fleisch und Milchprodukte. Ich kaufe nichts, was aus dem Gewächshaus kommt und keine Fertigprodukte. Ich lege Wert auf Bio und Fairtrade-Labels, gerade auch bei den Luxusprodukten wie Kaffee und Schokolade. Ah, und ich versuche, jeweils nur das zu kaufen, was auf dem Einkaufszettel steht und was wir tatsächlich brauchen können. Zum Glück kann ich die Gemüseabteilung meistens gleich umgehen, da wir den wöchentlichen Gemüsekorb vom lokalen Biobauern haben und nun neuerdings noch zusätzlich den Gemüseretter-Korb von grassrooted.

Simon Braissant: Mir fällt auf, dass Sie die Verpackung der Lebensmittel nun mit keinem Wort erwähnt haben. Ist das Absicht?

Martina Wyrsch: Das ist eben wieder dasselbe Thema, das wir vorhin besprochen haben. Verpackungen machen nur einen kleinen Teil an der gesamten Umweltbilanz eines Produkts aus, und deshalb ist das nicht die erste Frage, die du dir stellen musst, wenn du einen Apfel siehst.

Simon Braissant: Berücksichtigen Sie die Verpackung eines Produkts beim Kaufentscheid trotzdem manchmal?

Martina Wyrsch: Ja klar. Wenn ich dem Produkt bereits ansehe, dass es unnötigerweise mehrmals oder sehr aufwändig verpackt ist, dann versuche ich die Finger davon zu lassen. Ich hole ausserdem ein paar Dinge vom Unverpackt-Laden, der neu bei uns im Quartier ist. Ich bin aber noch am ausprobieren, was das betrifft.

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